St. Petersburg 1901-1950

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Panzerkreuzer "Aurora". 1917

Der letzte Zar

Der letzte Zar, Nikolaus II., war zwar nicht unbedingt regierungsunfähig, aber Russland brauchte zu dieser Zeit einen Übermenschen. Seine Frau, Alexandra, herrschte total über ihn. Zusammen waren sie zu unvorbereitet, um sich mit den schrecklichen Krisen befassen zu können, die Russland über sich ergehen lassen musste. Die Regierung wurde von einer Krise nach der anderen begleitet, von Arbeiter- und Bauernaufständen über den Krieg mit Japan bis hin zum 1. Weltkrieg.

Am 09. Februar 1904 begann der Russisch-Japanische Krieg aufgrund Interessenskonflikten in der Korea- und Chinapolitik.

Blutiger Sonntag und das erste Parlament

Unbekannter Künstler. Am Morgen des 9. Januar an der Narva-Tor

Der mit einem verhängnisvollen Geschehnis behaftete 09. Januar 1905 ist auch als „Blutiger Sonntag bekannt. Eine Menge von Arbeitern, angeführt von Vater Gapon, marschierte zum Winterpalast, um dort eine friedvolle Demonstration für angenehmere Betriebsbedingungen abzuhalten. Diese wurde jedoch von Truppen beschossen. Dabei kam eine Vielzahl an Menschen ums Leben und Tausende wurden verletzt. Dieses Ereignis hatte Streiks und revolutionäre Aufstände zur Folge, das Land protestierte. Es kam zu Meutereien, Industrielle und Grundbesitzer wurden umgebracht. Brutale Protestaktionen gegen die Politik des Zaren nahmen zu.

Ein allgemeiner Streik der Arbeiter beeinträchtigte das öffentliche Leben. Das Resultat war die Veröffentlichung des „Oktober-Manifestes“ durch den Zaren Nikolaus II. Dieses umfasste die Grundrechte, die Duma (gesetzgebende Volksvertretung) und das allgemeine Wahlrecht. Da der Zar jedoch das Parlament auflösen ließ, sobald er unzufrieden war, konnte keine Besserung festgestellt werden. Die politischen Unruhen hielten somit an.

Am 05. September 1905 erkannte Russland, nach seiner militärischen Niederlage, im Frieden von Portsmouth Japans Ansprüche an Korea an und musste auf Pachtrechte und territoriale Ansprüche in China verzichten.

Am 08. Juni 1908 starb der russische Komponist Nikolaj Rimski-Korsakow.

In den Jahren von 1909 bis 1914 gewinnt das russische Ballett aus Sankt Petersburg unter der Leitung von Sergei Diaghilew auf Tourneen an Weltgeltung.

1910 vollendet Igor Strawinski die Musik für den „Feuervogel“, ein Ballett in 2 Akten.

Ein Streik, der in Ostsibirien stattfand, wurde am 04. April 1912 blutig Niedergeschlagen. Die Streikbewegung entwickelte sich im ganzen Land zu einer Protestbewegung gegen die Politik des Zaren.

Der Erste Weltkrieg

Nikolaus II. unterstützte in der Balkanpolitik die planslawistische serbische Nationalbewegung.

Russisches Oberkommando während des Ersten Weltkrieges

So gab Nikolaus nach der österreich-ungarischen Kriegserklärung gegen Serbien, am 30. Juli 1914, den Befehl zur Gesamtmobilmachung der Streitkräfte gegen Österreich-Ungarn und seinen Bündnispartner Deutschland. Russland trat somit an der Seite Frankreichs und Englands in den Ersten Weltkrieg ein. Es kamen anti-deutsche Gefühle auf, die dazu führten, dass Sankt Petersburg in Petrograd umbenannt wurde.

Am 05. September 1915 übernahm Nikolaus II. den Oberbefehl über die Streitkräfte. Während Nikolaus II. über ein Jahr an der Front agierte, kümmerte sich seine Frau Alexandra um die Regierungsgeschäfte. Sie befolgte falsche Ratschläge Grigorij Rasputins, einem legendären Wunderheiler und Prophet der Zarenfamilie. Alexandra stand unter seinem Einfluss und war ihm mystisch verfallen. Der „Heilige Mönch“ aus Sibirien hatte den einzigen Sohn der Zarenfamilie, Alexej, der an einer unheilbaren Blutkrankheit litt, geholfen. Seitdem unterstützte er die Zarin mit fraglichen Voraussagungen. Er erwies sich jedoch als machtgierig und vertrat seine eigenen Interessen. So wurde die Regierung gelähmt. Das russische Volk beschuldigte die Herrscherin, eine deutsche Spionin zu sein und forderte von Nikolaus II. die Entscheidung zwischen seiner Frau Alexandra und dem russischen Thron.

Im Jahre 1916, am 17. Dezember, wurde Rasputin von Angestellten der Zarenfamilie ermordet. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Rasputin prophezeit, dass nach seiner Ermordung alle Familienangehörigen der Romanows eines gewaltsamen Todes sterben würden. Eine Weissagung, die sich schnell bewahrheiten sollte.

Ende des Jahres hatte Russland fast 4 Millionen Männer an der Front verloren. Das Volk begann aus der Tatsache heraus, dass es Nikolaus II. die Schuld am Tod dieser russischen Soldaten gab, diesen zu verabscheuen.

Die Februarrevolution

Aufgrund der militärischen Niederlagen, der Versorgungsnot im Reich und der Unzufriedenheit der Bevölkerung kam es 1917 landesweit zu Arbeiteraufständen und Meutereien der Soldaten. Erneut gab es im Februar eine Demonstration vor dem Winterpalast, der sich diesmal auch Soldaten und Polizisten anschlossen.

Am 28. Februar 1917 bildeten die bürgerlichen Parteien der Duma ein Komitee, aus dem eine provisorische Regierung unter Leitung Alexander Kerenskijs hervorging. Diese diente bis zu den nächsten Wahlen.

Der Zar verordnet am 28. Februar die Auflösung der Duma und einen Schussbefehl gegen die Aufständischen. Die Soldaten verweigerten diesen Befehl.

Juli 1917. Demonstration in Petrograd

Aufgrund des Druckes der Generalität dankte Nikolaus II. am 15. März 1917 zugunsten seines Bruders, des Großfürsten Michails (1878-1918), ab. Doch dieser wies die Krone zurück.

Am 21. März 1917 wurde Nikolaus II. verhaftet und nach Internierung in Zarskoje Selo mit seiner Familie nach Sibirien verbannt.

Im April des selben Jahres kehrte Lenin mit Billigung der deutschen Regierung aus dem schweizer Exil nach Petrograd zurück. Nachdem er am Finnischen Bahnhof eingetroffen war, hielt der Revolutionsführer sofort charismatische Reden. Mit seinen Worten: Frieden, Brot und Land gewann er die Arbeiter und Soldaten auf seine Seite.

Die Oktober-Revolution

Als im Oktober 1917 Soldaten in Scharen von der Front flohen, gelangten die Kommunisten durch einen bewaffneten Aufstand an die Macht. Den Höhepunkt der russischen Oktober-Revolution bildete die Einnahme des Winterpalastes in Petrograd, wo die provisorische Regierung ihren Sitz hatte. Es geschah in der Nacht zum 25. Oktober, als der Kreuzer Aurora einige Blindschüsse abfeuerte, die als Signal zur Übernahme dienten. Die von den Bolschewiken gelenkten Soldaten und Matrosen bildeten die Rote Garde, die von Leo Trotzki im Smolnij-Institut geschult worden sind. Die provisorische Regierung wurde verhaftet. Im Anschluss wurden alle Schlüsselpositionen besetzt.

Sturm auf den Petersburger Winterpalast 1917. Nachstellung von 1920

1918 folgte ein Friedensvertrag mit Deutschland. Aus dem Zarenreich wurde die Sowjetunion.

Zwischen 1918 und 1920 herrschte in Petrograd und Russland ein Bürgerkrieg, der Kampf der „Weißen“ gegen die „Roten“. Die Roten waren die Bolschewiken, die sich gegen die Koalition antirevolutionärer Gruppen wehrten. Die ausgehende Bedrohung der „Weißen“ führte zur Exekution der Zarenfamilie.

Am 16. Juli 1918 wurden Nikolaus II. und seine Familie in Jekaterinburg von bolschewistischen Truppen ermordet. Der Regierungssitz wurde nach Moskau, der neuen Hauptstadt der UdSSR, verlegt. Petrograd verlor an Bedeutung.

Im November 1920 gaben die letzten Truppen den Kampf auf. Der Bürgerkrieg kostete viele Menschen das Leben. Es folgten schwere Hungersnöte. Petrograd zählte nur noch 722000 Einwohner im Vergleich zu 2,5 Millionen im Jahr 1917. Lenin musste seinen „Kriegskommunismus“ zugunsten der „Neuen Ökonomischen Politik“, die sogar Privatunternehmen zuließ, aufgeben.

Lenin starb am 21. Januar 1924 im Alter von  54 Jahren.

Stalins Regierungszeit

Wenige Tage später wurde Petrograd in Leningrad umbenannt. Nach Lenins Tod konnte Stalin die Macht an sich reißen. Mit Schauprozessen und Massenhinrichtungen machte er sich zum uneingeschränkten Diktator und beseitigte alle Rivalen. Stalin verabscheute Leningrad und sah in der zaristischen Stadt ständig eine potentielle Bedrohung. Zwangskollektivierungen der privaten Landwirtschaften fanden statt. Den Bauern wurden ihr Vieh und ihre Maschinen weggenommen und es entstanden Kolchosen.

1931/1932 starben etwa 9 Millionen Menschen aufgrund der Hungersnot.

Als 1934 das Gerücht verbreitet wurde, dass der charismatische und populäre leningrader Parteiführer, Sergej Kirov, eine potentielle Ersetzung für Stalin sein sollte, wurde Kirov kurz darauf in seinem Büro von einem geheimen Agenten unter der Anordnung Stalins ermordet. Dies markierte den Beginn stalinistischer Verfolgungen bzw. Säuberungen, die bis 1938 andauerten. Millionen von Menschen wurden getötet oder in Arbeitslager verschleppt. Die Anzahl der Personen in den Arbeitslagern von 1938 lag bei 8 Millionen. Die meisten Gefangenen überlebten nicht. Infolge dieser Regierung des Schreckens erhob sich eine Generation von Bürokraten. Vieles kam damals nicht ans Licht, denn Stalin betrieb gute Propagandapolitik.

Der Zweite Weltkrieg

Im Jahr 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Trotz seines Nichtangriffspaktes mit Stalin überfällt Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion. Stalins Säuberung der „Roten Armee“ und die Beseitigung drei Viertel der Offiziere machte den Deutschen ein leichtes Spiel. Leningrad wurde in weniger als drei Monaten isoliert.

Die Lokomotive liefert Nahrungsmittel nach Leningrad während der Blockade. 1942

Am 08. September 1941 begann die Belagerung Leningrads, die genau 900 Tage andauerte. Fast eine Millionen Einwohner starben an Hunger und Erfrierungen, mehrere Zehntausende durch Granaten und Bombenangriffe. Die Toten wurden in Massengräbern, die in den vereisten Boden gesprengt werden mussten, beerdigt. Nahrungsmittel kamen nur mit Flugzeugen oder im Winter über den zugefrorenen Ladogasee in die Stadt.

Am 27. Januar 1944 durchbrach die „Rote Armee“ die Belagerungslinie und Leningrad wurde befreit.

Der Wiederaufbau

Gleich nach Kriegsende 1945 begann der Wiederaufbau Leningrads, auch der Zarenschlösser in der Umgebung der Stadt. Peterhof und Zarskoje Selo, die in der Frontlinie lagen und von der deutschen Armee völlig zerstört wurden, wurden sorgfältig rekonstruiert und wiederaufgebaut.

In den Jahren von 1945 bis 1951 sprossen in Leningrad neue Stadtteile wie Pilze aus dem Boden.