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Literatur

Die höchste Bluete erreichte die russische Poesie im 19. Jahrhundert. Diese Errungenschaften verknuepfen wir mit den Namen von Alexander Puschkin (1799-1837), Begruender der russischen literarischen Sprache und der neuen russischen Literatur, und des Romantikers Michail Lermontow (1814-1841). Eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des russischen realistischen Theaters spielte die Komoedie "Verstand schafft Leiden" von Alexander Gribojedow (1795-1829). In der Prosa herrschte das Oberhaupt der "Natuerlichen Schule" Nikolai Gogol (1809-1852).

Die progressiven Stimmungen der Gesellschaft von Mitte des 19. Jahrhunderts fanden ihre Widerspiegelung in Werken des Prosaikers und Publizisten Alexander Herzen (1812-1870). Zu den Helden von Werken des 19. Jahrhunderts wurden immer oefter Menschen, die mit der Unvollkommenheit der damaligen Gesellschaft unzufrieden waren. Zu dieser Kategorie gehoeren der Reisende von Alexander Radistschew (1749-1802), der revolutionaere Ideen ankuendigte, Onegin von Puschkin und Petschorin von Lermontow.In der Literatur der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer deutlicher ein Held ab, der sich fuer die Zustaende in Russland verantwortlich fuehlte und nach Wegen zur Einfuehrung der sozialen Gerechtigkeit und Humanitaet suchte. Die Frage "Was tun?" wurde von Nikolai Tschernyschewski (1828-1889) gestellt.

Es brach das goldene Zeitalter des russischen realistischen Romans an, der auf die Weltliteratur einen grossen Einfluss ausgeuebt hat. Lew Tolstoi (1828-1910) schuf seine Werke "Krieg und Frieden", "Anna Karenina" und "Auferstehung". Wie ein roter Faden zieht sich durch sein ganzes Schaffen das Thema der qualvollen Suche nach dem moralischen Ideal, der Eingliederung in das natuerliche Leben des Volkes und in die Natur. Der Schriftsteller betrachtete die Zivilisation als ein Uebel, lehnte jegliche Gewalt ab und rief sogar dazu auf, dem Boesen nicht mit Gewalt zu widerstehen, predigte die Ideen der moralischen Vervollkommnung der Persoenlichkeit. Iwan Turgenjew (1818-1883) schrieb die Romane "Rudin", "Adelsnest", "Vaeter und Soehne";"Oblomow" und "Die Schlucht". Die Romane von

Fjodor Dostojewski (1821-1881) "Schuld und Suehne", "Die Brueder Karamasow" und "Der Idiot" wurden zu einer markanten Erscheinung nicht nur in der russischen, sondern auch in der Weltliteratur. Als die Hauptidee seines realistischen Schaffens betrachtete Dostojewski das Streben danach, "im Menschen einen Menschen zu finden". Die Persoenlichkeit befand sich in seinen Romanen in Grenzsituationen und wurde schweren Pruefungen unterzogen. Nach Ansicht von Dostojewski ist der Mensch letzten Endes unter allen Umstaenden fuer alle seine Taten verantwortlich.  Beim Werdegang des russischen realistischen Theaters spielten die Buehnenwerke von Alexander Ostrowski (1823-1886): "Ein eintraeglicher Posten", "Wald", "Woelfe und Schafe", "Das Gewitter" u.a. eine kolossale Rolle.In der russischen Poesie der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts lassen sich deutlich zwei Tendenzen verfolgen: sozial-engagierte und lyrische. Ein hervorragender Vertreter der ersteren ist Nikolai Nekrassow (1821-1877) mit seinen Poemen "Russische Frauen", "Wer lebt gluecklich in Russland?", "Frost-Rotnase", der letzteren - Afanassi Fet (1820-1892). Etwas abseits, in der Welt der philosophischen, geistig-gespannten Poesie, steht Fjodor Tjutschew (1803-1873).

Stark satirisch gefaerbt ist das Schaffen von Michail Saltykow-Stschedrin (1826-1889): "Skizzen aus dem Gouvernement", "Pompadoure und Pompadourinnen", "Geschichte einer Stadt".

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts herrschten Stimmungen des Pessimismus und des Unglaubens an die Umgestaltung der Gesellschaft nach den Grundsaetzen des Humanismus und der Gerechtigkeit vor. Tragische Schicksale talentierter Menschen aus dem Volk schilderte eindrucksvoll Nikolai Leskow (1831-1895), ein grosser Meister der Sprache und des sagenhaften Stils: "Der verzauberte Wanderer", "Der staehlerne Floh" und "Ein kunstvoller Friseur". Diesen Themen wenden sich auch Wsewolod Garschin (1855-1888) und Wladimir Korolenko (1853-1921) zu. In den Buehnenwerken "Der Kirschgarten", "Drei Schwestern" und "Die Moewe" offenbart sich mit voller Kraft das Genie von Anton Tschechow (1860-1904).

Später wird der alles durchdringende Pessimismus im Schaffen des "Sturmvogels der Revolution" Maxim Gorki (1868-1936) ueberwunden, der zum Begruender der Literatur des "sozialistisehen Realismus" wurde und in seiner Roman-Epopoee "Klim Samgin" das Leben und den ideologisch-gesellschaftlichen Kampf in den vorrevolutionaeren Jahrzehnten schilderte. Die klassische Tradition der russischen Literatur setzten souveraen die Prosaiker Iwan Bunin (1870-1953), Nobelpreistraeger von 1933, und Alexander Kuprin (1870-1938) fort. Genau der Gegensatz zu ihnen waren die bedrueckend-deprimierten und alles negierenden Leonid Andrejew (1871-1919) und Michail Arzybaschew (1878-1927).

Der Anfang des 20. Jahrhundertes war durch das Aufgehen des silbernen Zeitalters der russischen Literatur gekennzeichnet. Es entstand eine Reihe von neuen Schulen und Richtungen. In der russischen Kunst, ebenso wie in der europaeischen, war der Symbolismus tonangebend, der aus der Welt der buergerlichen Werte ungestuem die "verdeckte Realitaet" und die "unvergaengliche Schoenheit" anstrebte. Zu seinen Vertretern wurden der grosse russische Dichter Alexander Block (1880-1921) -"Gedichte von der schoenen Dame", Andrej Belyj (1880-1934), Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949), Fjodor Sologub (1863-1927).

In der russischen Poesie der 10er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde der Akmeismus, der die Kompliziertheit und Mehrdeutigkeit des Symbolismus zu ueberwinden suchte, zu einer bedeutsamen Richtung. Angesehene Vertreter des Akmeismus sind: der fruehe Nikolai Gumiljow (1886-1921), die fruehe Anna Achmatowa (1889-1966) und der fruehe Osip Mandelstam (1891-1938); Michail Kusmin (1875-1936) und Sergej Gorodezki (1884-1967).

Zu der Oktoberrevolution 1917 standen russische Schriftsteller verschieden. Einige emigrierten ins Ausland, viele begruessten aber die neuen Ereignisse, so zum Beispiel Alexander Block (im Poem "Die Zwoelf"); die Futuristen Wladimir Majakowski (1893-1930) (die Poeme "Wladimir lljitsch Lenin" und "Gut und schoen. Oktoberpoem") und Welemir Chlebnikow (1885-1922). In den 20er Jahren bildeten sich zahlreiche literarische Gruppierungen heraus: "Kusniza" (proletarische Romantiker), "Serapionsbrueder" (betont apolitische Einstellung), "Lef" (wirkungsstarke revolutionaere Kunst), "Perewal" (Intuitivismus und Selbstausdruck), RAPP (vulgaerer Soziologismus). Eine Menge Schriftsteller schlossen sich diesen Gruppierungen nur formell an, blieben aber praktisch ausgepraegte Einzelgaenger. Zu den letzteren gehoerten Boris Pasternak (1890-1960), der spaeter zum Nobelpreistraeger wurde (1958 fuer den Roman "Doktor Shiwago"); Andrej Platonow (1899-1951), ein eigenartiger lyrisch-epischer Prosaiker.

In denselben Jahren nahm in der Poesie auch der feinste Lyriker Sergej Jessenin (1895-1925), Saenger des baeuerlichen Russland, einen bedeutenden Platz ein. Die kritische Auffassung der Wirklichkeit spiegelte sich scharf in den satirischen Werken von Michail Sostschenko (1895-1958) und von Michail Bulgakow (1891-1940) (der Roman "Der Meister und Mar-garita") wider. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sank das allgemeine Niveau der Literatur. Aber auch in dieser Zeit arbeiteten bemerkenswerte Schriftsteller: der Prosaiker Michail Scholochow (1905-1984), Nobelpreistraeger von 1965 (der Roman "Der stille Don"); die Dichter Osip Mandelstam, Anna Achmatowa, Nikolai Tichonow (1896-1979).

Starke Impulse gab dem Schaffen der Schriftsteller das Thema des Grossen Vaterlaendischen Krieges (1941-1945). Die Verse der Dichter Konstantin Simonow (1915-1979), Alexander Twardowski (1910-1971) und vieler anderer sind zu einem wahren Gemeingut des Volkes geworden. Diesem Thema wandten und wenden sich von der Position des Realismus aus zeitgenoessische Dichter und Prosaiker zu: Konstantin Wanschenkin, Juri Trifonow, Juri Bondarew, Grigori Baklanow, Viktor Astafjew und viele andere.

In der nach Stalins Tod angebrochenen Periode des Tauwetters wurde der Roman "Nicht von Brot allein" (1956) von Wladimir Dudinzew veroeffentlicht. Es war eine Plejade talentierter Dichter und Prosaiker erschienen, die ihre Treue zu den Idealen der buergerlichen Freiheit laut kundtaten. Das sind die sogenannten "Schestidesjatniki": Bulat Okudshawa, Jewgeni Jewtuschenko, Andrej Wosnessenski, Bella Achmadulina und Robert Roshdestwenski. Ueber das Schicksal des russischen Dorfes dachten qualvoll die sogenannten "Derewenstschiki" nach: Wassili Below, Valentin Rasputin, Boris Moshajew, Fjodor Abramow und Jewgeni Nossow.

Die nachfolgende Zeit der breshnewschen "Stagnation" war durch die verstaerkte Zensur gekennzeichnet. In die erzwungene Emigration gerieten: der Prosaiker Alexander Solshenizyn, dem 1970 ein Nobelpreis verliehen wurde, ("Der Archipel Gulag", "Im ersten Kreis", "Krebsstation") und der Dichter Iossif Brodski (1940-1996), Nobelpreistraeger von 1987.

Die Epoche der Oeffentlichkeit und die nachfolgende Periode der Demokratisierung der russischen Gesellschaft fuehrten dazu, dass der literarische Nachlass der in Emigration gelebten Schriftsteller: Iwan Schmeljow (1873-1950), Boris Pilnjak (1894-1941), Boris Saizew (1881-1972), Alexander Remisow (1877-1957), Jewgeni Samjatin (1884-1937) und anderer intensiv erschlossen wurde.

In den klassischen Traditionen der russischen Literatur arbeiteten und arbeiten unsere Zeitgenossen, die Prosaiker Wladimir Makanin, Anatoli Kim, Ruslan Kirejew, Anatoli Kurtschatkin: die Dichter Wladimir Sokolow, David Samoilow, Juri Lewitanski und Oleg Tschuchonzew. Die Uebergangsperiode im gesellschaftlichen Leben Russlands ist durch das Aufbluehen und den Widerstreit verschiedener literarischer Strömungen gekennzeichnet, von denen die wichtigsten der Postmodernismus (Dmitri Prigow, Viktor Jerofejew, Wladimir Sorokin, Viktor Polsin) und der Traditionallismus (Oleg Pawlow, Alexej Warlamow, Wladislaw Otroschenko, Igor Melamed) sind.

Die russische Literatur schuf ideologisch-kuenstlerische Werte vom Weltstand, sowohl was die Weite der sozial-moralischen Problemstellung als auch die Neuartigkeit der aesthetischen Lösungen betrifft. Der weltweite Erfolg und die Popularitaet der russischen Literatur wurzeln in deren Volkstuemlichkeit, Tiefe und Mannigfaltigkeit der angeschnittenen Probleme, der Verschiedenartigkeit der Genres und Schaffensmethoden.

 

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