Das russische Ballett

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Das russische Ballett in Sankt Petersburg, berühmt für seine vollendete Technik, machte den Körper zu einem Instrument der Ausdruckskraft und brachte damit die Kunst des Bühnentanzes zur Vollendung schlechthin.

Dank der von Kraft und Dynamik geprägten strengen, klassischen Ausbildung sind die russischen Ballett-Tänzer imstande, atemberaubende Sprünge zu vollführen.

Nicht zuletzt verdanken die russischen Balletttruppen ihren ausgezeichneten Ruf aber auch dem Corps de ballet.

Oberstes Gebot des Ensembles ist ein harmonisches, in sich geschlossenes Gesamtbild und eine absolut präzise Tanztechnik.

Begründer des klassischen russischen Balletts im 19. Jahrhundert war der Franzose Marius Petipa (1819-1910). Er arbeitete mit Tschaikowski bei der Einstudierung der Ballette Dornröschen und Nussknacker zusammen, schuf aber auch selbst 57 abendfüllende Ballette, 34 Opernballette und nahm 17 Neuinszenierungen vor.

Jean-Baptiste Landé, ebenfalls Franzose, führte das Ballett 1734 in Russland ein. In Sankt Petersburg und Moskau entstanden Tanzschulen, obwohl die Tänzer damals zumeist aus Italien und Frankreich stammten.

Wassilij Baranov. Porträt von Charles Louis Didelot. 1810

1801 kam der Tanzlehrer Charles Louis Didelot (1767-1837) nach Sankt Petersburg und bildete russische Ballett-Tänzer aus, die es mit jenen aus dem Ausland aufnehmen konnten.

Fast unmittelbar nachdem sich Didelot zur Ruhe gesetzt hatte, erschien Petipa auf der Bildfläche. Unter seiner Führung gingen aus der Kaiserlichen Ballettschule St. Petersburgs einige der größten Primaballerinen hervor, unter ihnen die anmutige Mathilda-Maria Kschessinskaja, Olga Preobrajenska und Anna Pawlowa.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung an der Kaiserlichen Ballettschule im Jahre 1899 riss Anna Pawlowa das Publikum im Ausland zu Begeisterungsstürmen hin und verlor dabei nach und nach die Bindung an ihr Heimatland. 1913 verließ sie Russland für immer.

Petipa starb im Jahre 1910. Die Tänzerin Agrippina Waganowa trug die von ihm entwickelten Grundlagen des russischen klassischen Balletts, auf denen er seinen Unterricht aufgebaut hatte, zusammen und gab sie in Form eines Handbuches an die Eleven des St. Petersburger Marientheaters weiter. Ihr ist es zu verdanken, dass diese Grundlagen des Balletts nicht in Vergessenheit gerieten. Denn nach der Machtergreifung durch die Bolschewiken 1917 zerstreuten sich zahllose russische Talente in der Welt. Die Ballettakademie trägt heute ihr zu Ehren den Namen Waganowa.

Mit dem brillanten Impresario Sergei Diaghilew und Michail Fokin, einem herausragenden Choreographen, hielt das russische Ballett im Jahre 1909 triumphalen Einzug in Europa. Die beiden brachten ein Ballettensemble der Kaiserlichen Ballettschule St. Petersburgs nach Paris. Diaghilews Balletts Russes glänzten mit hinreißenden Inszenierungen vor farbenfrohen Bühnenbildern, die von grandiosen russischen Künstlern wie Konstantin Alexejewitsch Korowin (1861-1939), Alexander Jakowlewitsch Golowin (1863-1930), Alexander Nikolajewitsch Benois (1870-1960) und Léon Bakst (1866-1924) entworfen worden waren.

Doch die Sensation schlechthin waren die Tänzer Vaslav Nijinsky (1889-1950), Léonide Massine (1895-1979) und Serhijj Mychajlowytsch Lyfar (1904-1986).

Agrippina Waganowa

Von kleiner Statur und eher gedrungen gebaut, unterschied sich Nijinsky, der vielleicht berühmteste Ballett-Tänzer aller Zeiten, ganz offensichtlich vom herkömmlichen Ideal, aber mir seinen sensationell hohen Schwebesprüngen und der Ausdruckskraft seines Körpers riss er das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin und läutete eine neue Ära in der Geschichte des Balletts ein.

Auch nach der Revolution büßte das Ballett nichts von seiner technischen Perfektion ein. In der gesamten Sowjetunion wurden Balletttruppen und Schulen vom Staat großzügig gefördert. Von einigen wenigen herausragenden neuen Werken, wie Prokofjews Romeo und Julia (1935) und Chatschaturjans Spartakus (1956), abgesehen, entstanden kaum neue Ballette. Zumeist wurde auf die klassischen Repertoires zurückgegriffen.

Ihre ersten, von Beifallsstürmen begleiteten Tourneen in den Westen unternahmen das Moskauer Bolschoi-Ballett und das St. Petersburger Kirow-Ballett, das einstige Kaiserliche Ballett von St. Petersburg, in den fünfziger Jahren.

Insgesamt betrachtet, herrschte an den Ballettschulen und bei den Ballettensembles eine Atmosphäre, die von einem über das normale Maß herausgehenden Konkurrenzdenken geprägt war. Viele Tänzer sahen sich in ihrer Freiheit des künstlerischen Ausdrucks von politischem Druck eingeengt.

Während einer Auslandstournee im Jahre 1961 setzte sich Rudolf Chametowitsch Nurejew (1938-1993), der größte russische Tänzer seit Nijinsky, vom Kirow-Ensemble ab. Ausgelöst wurde dieser Schritt durch den Mangel an Choreographen, die sich Neuem gegenüber aufgeschlossen zeigten, und das eng begrenzte Repertoire. Zwei Gegebenheiten, die Nurejew daran hinderten, das in ihm schlummernde Talent voll zu entfalten.

Der brillantente Michail Baryschnikow und andere Tänzer empfanden ähnlich und folgten wenige Jahre später seinem Beispiel.

Nach wie vor sind die russischen Ballett-Tänzer in der Beherrschung des reinen klassischen Stils unübertroffen. Das russische Ballett beeinflusst auch weiterhin die Tanzkunst der westlichen Länder.

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